Ausnahme/Ausnahmezustand
»RUPTURE DU TEMPS: REVOLUTION«
Für Maurice Blanchot war in seiner Interpretation des Mai 1968 die Unterbrechung der Zeit gleichbedeutend mit der Revolution.
Das semantische Feld der Ausnahme, des Ausnahmezustands, ist sehr reich in politischer, kultureller, künstlerischer und religiöser Hinsicht. Es enthält Anklänge an Kategorien wie Unterbrechung, Störung, Aufhebung; Rebellion, Widerstand und Revolution; und schließlich an eine der wichtigsten Kategorien der Philosophie des 20. Jahrhunderts: das Ereignis.
Die Ausnahme und das Ereignis überschreiten die soziale Ordnung der Dinge und Wesen. Für sie haben sich im 20. Jahrhundert vor allem konservative und anarchistisch-libertäre Theoretiker interessiert.
Ausgangspunkt meines Beitrags ist die Zweideutigkeit des Begriffs der Ausnahme. Es ist eine Zweideutigkeit zwischen einer politischen und einer nicht-politischen Bedeutung. Zwischen Carl Schmitt und Heidegger zum Beispiel.
Die Unterscheidung zwischen einem politischen und einem nicht-politischen Verständnis dieses Begriffs ist in meinen Augen zentral für das Verständnis der wichtigen Alternativen unserer gegenwärtigen Ideenpolitik.
"Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet."
So lautet Carl Schmitts berühmte Definition des Problems der souveränen Staatsmacht. Autorität oder Anarchie: dies ist in Schmitts Augen die einzige und einzig wirklich wichtige politische Alternative.
Die Organe der Autorität sind die Polizei, die Geheimdienste und das Militär. Das Organ der Anarchie ist die Multitude, die zum Widerstand und zum Aufstand bereiten Massen (oder auch die revolutionären Eliten).
Es gibt meines Erachtens eine objektive Verwandtschaft zwischen Autorität und Anarchie, zwischen rechten oder rechtsextremen auf der einen Seite, linken und linksextremen politischen Positionen, Rechtfertigungen und Handlungsformen auf der anderen Seite.
Man könnte sagen, dass sie denselben theoretischen und ästhetischen (oder ästhetizistischen) Standpunkt teilen, welcher ebenfalls von Carl Schmitt aufgestellt wurde:
"Die Ausnahme ist interessanter als der Normalfall. (...) In der Ausnahme durchbricht die Kraft des wirklichen Lebens die Kruste einer in Wiederholung erstarrten Mechanik."
Sowohl anarchische als auch autoritäre Modelle leben von der Drohung mit dem Ausnahmezustand: der Drohung von Krieg und Bürgerkrieg. Beide Seiten leben von der Möglichkeit der Störung der normalen Ordnung. Sie unterscheiden sich lediglich darin, wie sie diese Möglichkeit bewerten; wie sie diese Möglichkeit jeweils benutzen und ausnutzen.
Dies zeigt sich wenn wir den Gründungsmythos vieler linker und linksradikaler Doktrinen der Gegenwart betrachten: Mai 1968. Der Aufstand des Mai 1968 war die Entfesselung und Inszenierung des anarchischen Aufstands von unten. Aber er war auch, am Ende der Mai-Ereignisse, die Entfesselung und Inszenierung der souveränen Erklärung des Ausnahmezustands durch General de Gaulle.
Um das deutlicher zu machen, möchte ich einige Texte von Maurice Blanchot über die Idee der Gemeinschaft und das Problem der Repräsentation lesen. Er beschreibt die Ereignisse des Mai 68 auf eine Weise, dass ihre Bedeutung für eine politische Theorie der Ausnahme klar wird.
Bei Blanchot können wir die Ursprünge unserer heute avanciertesten Ontologien der unrepräsentierbaren Singularität und Menge erfassen.
2.
Für Blanchot war der Mai 1968 war ein wunderbares Ereignis, eine wunderbare Ausnahme in der normalen Ordnung der Dinge. Im Mittelpunkt seines Berichts steht eine Phänomenologie der Aneignung des öffentlichen Raums. Im Zuge der Demonstrationen erscheint die Straße zum ersten Mal als öffentlicher, politischer Raum.
Die normale Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft besteht in der Bedeutungslosigkeit oder Nichtexistenz dieses öffentlichen Raums. Seine Aneignung durch das Volk markiert die Ausnahme von der Regel. Mit einem Mal erscheint ein Loch in der normalen Situation, eine offene Zeit und ein offener Raum, in welche die Menge eindringen.
Diese Metaphysik der Unbestimmtheit ist einer Metaphysik eines strukturierten gesellschaftlichen und politischen Körpers entgegengesetzt, welcher strukturiert ist durch verschiedene Positionen, Funktionen und Identitäten im Hinblick auf Rasse, Geschlecht, Klasse und Beruf.
Im Zuge der Demonstrationen des Mai 1968 wurde der öffentliche Raum durch die Leute angeeignet - doch er wurde angeeignet genau um ihn zu entleeren, ihn als leer und offen für jeden zu präsentieren.
Das heißt, offen für jeden in seiner Singularität, in seiner gesellschaftlich unbestimmten Qualität; in seinem einfach Irgendjemand Sein. Qualunque, Beliebig-Sein, wie Giorgio Agamben es nannte in seinem Buch Die kommende Gemeinschaft.
Die gemeinschaftliche Besetzung des öffentlichen Raums gehört zum Bereich der Erscheinung oder des Scheins. Es ist ein Ereignis, eine Ausnahme im emphatischen Sinne des Wortes; eine momentane Aufhebung der bürgerlichen Ordnung der Personen, Funktionen und Dinge.
Dabei geht es nicht um die Gründung einer neuen Ordnung, sondern eher um die zeitweise Zerstörung der bestehenden Ordnung. Es handelt sich, mit anderen Worten, um die Exposition einer phantastischen negativen und an-archischen Macht.
Diese Macht ist bilderlos und lässt jede Frage über die Gründung einer neuen sozialen Ordnung einfach: offen. Es geht ihr auch nicht um die Erschaffung politischer Führer, noch führt sie zu einer Repräsentation, einem Bild ihrer selbst. Das ist zentral für das Verständnis der Logik der Ausnahme: die Logik einer freien gemeinschaftlichen Erscheinung der Leute.
Diese Logik unterwandert in gewisser Weise die politische Frage: Was soll man tun mit dieser phantastischen Macht der Störung und Auflösung; wohin führt sie; wie kann sie eine neue Ordnung organisieren? So ist eine nue Logik erschienen. Es ist die Logik einer legitimen Negativität als solcher, einer negativen Macht in ihrem eigenen Recht.
Wir werden über eine Macht der Ausnahme oder Auflösung nachzudenken haben, die jenseits der anti-autoritären Fixierung und jenseits des romantischen Glaubens an die Gewalt liegt, wie sie dem Anarchismus eigen sind. In gewisser Weise wäre dies die Idee an-archischer Gesten ohne die Irrtümer und Sackgassen der politischen Doktrin des Anarchismus.
3.
Maurice Blanchot hat in seinem Buch "La Communauté Inavouable" einen schönen Bericht über den Mai 1968 als Ausnahme gegeben:
"May '68 has shown that without a project, without conjuration, in the suddenness of a happy meeting, like a feast that breached the admitted and expected social norms, explosive communication could affirm itself (affirm itself beyond the usual forms of affirmation) as the opening that gave permission to everyone, without distinction of class, age, sex or culture, to mix with the first comer as if with an already loved being, precisely because he was the unknown-familiar."
Und er fährt fort:
"Without project": that was the characteristic, all at once distressing and fortunate, of an incomparable form of society that remained elusive, that was not meant to survive, to set itself up, not even via the multiple "committees" simulating a disordered-oder, an imprecise specialization.
Contrary to "traditional revolutions", it was not a question of simply taking power to replace it with some other power, nor of taking the Bastille or the Winter Palace, or the Elysée or the National Assembly, all objectives of no importance.
It was not even a question of overthrowing an old world; what mattered was to let a possibility manifest itself, the possibility - beyond any utilitarian gain - of a being-together that gave back all the right to equality in fraternity through a freedom of speech that elated everyone."
Blanchot Bericht zeigt in die Richtung einer sowohl kommunistischen als auch anarchischen Form. Aber ich würde hinzufügen, dass in meinen Augen sowohl Anarchismus als auch Kommunismus nicht-politische Kategorien sind - wenn wir diese Kategorien von irrationalistischen und rationalistischen Missbräuchen schützen wollen.
Die Betonung der gemeinsamen Gegenwart, eines nicht-instrumentellen Mitseins, eines emphatischen Zusammen-Erscheinens, verweist auf das utopische Ziel des Kommunismus: auf einen Stand der Versöhnung. Diese kommunistische Form "explosiver" Kommunikation ist aber auch an-archisch im strengen Sinne des Wortes.
Sie zieht sich zurück von jedem Versuch, eine neue arché zu begründen, ein neues Prinzip der sozialen und politischen Ordnung. In dieser Hinsicht ist sie streng negativ. Sie hat nur eine phantastische Macht der Auflösung der gewöhnlichen sozialen Identitäten, Grenzen, Hierarchien und gegenseitigen Entfremdungen.
Der gewöhnliche Zustand, die gewöhnliche Ordnung der Welt, die Position, welche die Einzelnen in dieser Ordnung einnehmen, werden sozusagen eingeklammert; sie werden aufgehoben. Was ist der Sinn dieser Aufhebung, dieses gemeinschaftlichen Ereignisses des Zusammen-Erscheinens? Was ist der Sinn dieser Ausnahme? Ist er politisch oder nicht-politisch?
Ich würde sagen, dass seit Mai 68 die messianische Möglichkeit einer gemeinschaftlichen Präsenz in der Welt ist. Wie Blanchot ausführt, hat diese utopische Möglichkeit keinen bestimmten politischen Gehalt.
Sie ist eher eine Sache der Präsentation als der Repräsentation; eher eine der gegenseitigen Exposition singulärer Wesen als der Konstruktion eines kollektiven Subjekts und Gemeinwillens des Volkes.
Das Ereignis dieser utopischen Möglichkeit zieht sich sowohl von dem illusionären anarchistischen Glauben an die produktiven Resultate der Zerstörung als auch von dem kommunistischen Glauben an ein einheitliches Subjekt, eine einheitliche Substanz des Volkes zurück.
Die bekannten historischen Bewegungen von Anarchismus und Kommunismus leiden alle unter der unmittelbaren Projektion ihrer emphatischen, radikalen Ziele auf politische Formen und Mittel. Als politische Doktrinen verweisen sowohl Anarchismus als auch Kommunismus letztlich immer auf eine starke staatliche Autorität.
Diese Autorität beendet entweder den anarchischen, anti-autoritären Zustand der Ausnahme und Unbestimmtheit, oder, wie im falle des Kommunismus, sie verkörpert das Wesen der Gemeinschaft.
4.
Deswegen würde ich Giorgio Agamben widersprechen, wenn er schreibt:
"Denn die kommende Politik ist nicht mehr der Kampf um die Eroberung oder Kontrolle des Staates, sondern der Kampf zwischen dem Staat und dem Nicht-Staat (der Menschheit); sie ist die unüberwindbare Teilung in beliebige Singularitäten und staatliche Organisation. (...) Die beliebige Singularität, die (...) auf jede Identität (...) verzichtet, ist der gefährlichste Feind des Staates.
Wo auch immer diese beliebigen Singularitäten ihr gemeinsames Sein friedlich kundtun, wird ein Tianamen sein und das Anrücken der Panzer nur eine Frage der Zeit."
Indem er nicht-politische Ausnahmen mit realer Politik verwechselt, verfestigt Agamben die anti-autoritäre und implizit autoritäre Konstellation, die auch den Mai-ereignissen 1968 anhaftet.
Die anti-autoritäre Rebellion bleibt leicht auf eine perverse Weise abhängig von der Autorität, die sie zu provozieren und zu überwinden versucht. Das war auch schließlich das unmittelbare Resultat der Mai-Ereignisse des Jahres 1968:
De Gaulle, die Vater-Figur, gegen welche der Aufstand auch gerichtet war, dieses Symbol der normalen sozialen Ordnung und der Herrschaft des bürgerlichen Realitätsprinzips, löst die Demonstrationen in den Straßen auf und stellt die "normale Situation" durch außergesetzliche Maßnahmen wieder her.
Der Ausnahmezustand von oben hebt sowohl den Ausnahmezustand von unten als auch den Rechtsstaat auf. Dazu Blanchot’s Beobachtung:
"Die Auflösung der Oppositionsbewegungen (ohne jede rechtliche Grundlage) hatte nur dieses eine Ziel: Durchsuchungen ohne Kontrollen zu ermöglichen, willkürliche Verhaftungen zu erleichtern, Sondergerichte zu installieren, (...) schließlich, jede Versammlung zu verhindern.
Das heißt, wie es der Präsident der Republik (...) erklärt hat: nichts mehr darf nirgendwo passieren, weder auf der Straße, noch in öffentlichen Gebäuden (...)."
Und Blanchot beklagt:
"Jeder Bürger muß jetzt lernen, dass die Straße ihm nicht mehr gehört, sondern nur noch der Macht gehört."
Diese Passage zeigt die Gefahren von anarchistischen und kommunistischen Demonstrationen im öffentlichen Raum: die Gefahr, dass der Ausnahmezustand von links oder unten fast unweigerlich den Ausnahmezustand von rechts oder oben hervorruft. Sowohl anti-autoritäre als auch autoritäre politische Doktrinen träumen vom Ausnahmezustand als dem äußersten Moment der Wahrheit.
Im Falle der Demonstrationen erscheinen die Volksbewegungen gegenüber der Staatsmacht, die von der Polizei verkörpert wird, von den sogenannten Ordnungskräften. Die optische Konstellation ist hier wichtig: das Gegenüber von einer formlosen Menge und einem uni-formierten Polizeikörper, welcher die Autorität verkörpert.
In meinen Augen ist diese oppositionelle Aufführung von Konflikt und Konfrontation politisch steril und gefährlich. Sie bestätigt nur das Bedürfnis nach Identität auf beiden Seiten: eine ziemlich stabile und heute vertraute Konfrontation der bürgerlichen Ordnungskräfte mit den anti-bürgerlichen Kräften der Unordnung.
5.
Um diese Sackgasse zu verlassen, sollten wir noch einmal auf Blanchot‚Äôs Bestimmung der Ereignisse des Mai 68 schauen. Sein Punkt ist, dass diese ein Ziel in sich selbst darstellten. Er führt aus, dass all dies die Eigenschaft der Ausnahme hat, eines Zustands der Gnade, welcher alle normalen Bedingungen des Lebens, die Identitäten, Hierarchien und sozialen Rollen aufhebt.
Mit anderen Worten, diese Ereignisse haben keine, oder nur eine negative Bedeutung für die "reale", "normale" Ordnung der Dinge.
Im Bereich der Ausnahme reicht es aus, dass wir in dem übereinstimmen, was wir ablehnen, was wir nicht wollen. Im Bereich der Politik werden wir uns auf Alternativen einigen müssen, das heißt auf das, was wir wollen.
Die zugrunde liegende Annahme des ersten Bereichs ist politische Heteronomie (ein ziemlich realistischer empirischer Befund, möchten wir hinzufügen); die zugrunde liegende Annahme des zweiten ist politische Autonomie (eine ziemlich unwahrscheinliche, aber eben normative Konstruktion).
Blanchot scheint mir (wie auch Agamben und viele andere zeitgenössische Denker) unfähig, diese beiden Bedeutungen zu unterscheiden. Diese Unterscheidung ist also heute unsere Aufgabe.
Blanchot schreibt:
"...with authority overthrown or, rather, neglected, a sort of communism declared itself, a communism of a kind never experienced before and which no ideology was able to recuperate or claim as its own. No serious attempts at reforms, but an innocent presence (supremely uncanny because of that). (...)
That was, and still is, the ambiguity of presence - understood as instantly realized utopia - and therefore without future, therefore without present: in suspension as if to open time to a beyond of its usual determinations. Presence of the people? Recourse to that complacent word was already abusive.
Or else it had to be understood not as the totality of social forces, ready to make particular political decisions, but as their instinctive refusal to accept any power, their absolute mistrust in identifying with a power to which they would delegate themselves, thus mistrust in their declaration of impotence.
Meiner Ansicht nach sollten anarchische und libertäre Modelle der Ausnahme als nicht-politische Modelle verstanden werden. Andernfalls fallen sie dem Souverän zum Opfer, der wie bei Carl Schmitt über die Ausnahme entscheidet. Blanchot erfasst aber etwas von dem nicht-politischen Charakter anarchischer und kommunistischer Ereignisse wie dem Mai 68.
Seine "Vernachlässigung der Autorität" weist in diese Richtung. Aber die Weigerung, "irgendeine Macht" zu aktzeptieren, zeigt eine zweifelhafte anarchistische Tradition.
Emanzipatorische Politik dreht sich um eine rechtliche Veränderung der normalen Situation der Gesellschaft durch das demokratische Volk - nicht um die Aufhebung dieser Ordnung in polemischer Konfrontation mit dem Staat als dem Garanten dieser Ordnung.
Daß die Ausnahme interessanter als der Normalfall ist, kann kein politisches Argument sein, wie sowohl Schmitt als auch Agamben denken in ihrem politischen Ästhetizismus.
Es ist eher ein ethisches Argument, das die unrepräsentierbare Gemeinschaft der Singularitäten in ihrer Nicht-Identität zeigt. Die Frage der Konstruktion demokratischer Volkssouveränität unter der Prämisse der Nicht-Identität dieses Volkes liegt auf einer anderen Ebene.
Um diese Frage zu beantworten, muß man die Ebene der ontologischen Immanenz verlassen -was aber weder Blanchot, noch Agamben oder auch Toni Negri möchten.
Sich ausnehmen, uns ausnehmen aus der normalen Ordnung der Dinge, Ausnahmen erzeugen, ist eine genauso wichtige Geste moderner Subjekte wie diese Ordnung zusammen als Bürger zu transformieren. Und es ist wichtig, diese zwei verschiedenen Identitäten zusammen zu denken.
Politik dreht sich um das Finden neuer Regeln für die normale Situation. Die Ausnahme und ihre spezifische An-Archie sind nicht-politisch und müssen als solche gedacht und gerechtfertigt werden.